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Quelle: MMSZ, 2025

Nicole wächst mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester in Augsburg auf. Um sie vor Antisemitismus zu schützen, entscheidet sich ihre Mutter, sie katholisch taufen zu lassen. Nicole weiß lange nicht, dass sie aus einer jüdischen Familie stammt. Erinnerungen an Antisemitismus in ihrer Kindheit hat sie nicht.

Bildquelle: Nicole Fahrmeir

Erst mit acht Jahren erfährt Nicole, dass sie Teil einer jüdischen Familie ist.

Für Nicole ist dies ein Schock. Sie hat Angst vor negativen Reaktionen. Nur sehr zögerlich beginnt eine langsame Annäherung an das Jüdischsein. Mit ihrer Großmutter Ludmilla spricht sie nach und nach mehr über die Familiengeschichte, im Schulunterricht berichtet sie schließlich darüber.

2018 stirbt die Großmutter, bei ihrer Beerdigung kommt Nicole zum ersten Mal mit jüdischen Riten in Berührung.

Nicoles Mutter und ihre Schwester kommen 2001 als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Augsburg, wo ihre Großmutter und ihr Onkel bereits leben. Die Familie stammt aus der Ukraine und verließ das Land aufgrund von steigendem Antisemitismus. Ihre Eltern lernen sich in Augsburg kennen.

„Kontingentflüchtlinge“ sind Jüdinnen:Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die von 1991 bis Ende 2004 nach Deutschland eingewandert sind. Sie mussten kein normales Asylverfahren durchlaufen, sondern erhielten direkt ein Aufenthaltsrecht. Ziel war es, jüdisches Leben nach der Shoah zu stärken und Schutz sowie neue Lebenschancen zu bieten.

Mit 14 Jahren erfährt Nicole von ihrer Oma, dass ihre Familie mütterlicherseits unter dem NS-Regime verfolgt wurde und ein großer Teil in Drobyzkyj Jar in der Ukraine, bei einer Massenerschießung, ermordet wurde. Nur ihre Oma Ludmilla überlebt. Sie konnte rechtzeitig nach Tadschikistan flüchten. Für Nicole ist dies ein wichtiges Motiv sich zu engagieren.

Bildquelle: Nicole Fahrmeir



Über die Arbeit ihrer Mutter lernt Nicole die jüdische Gemeinde Augsburg kennen. Mit 16 Jahren beginnt sie dort eine eigene Kindergruppe in der Jugendarbeit zu leiten. Damit findet sie engen Anschluss an die Gemeinde und andere jüdische Jugendliche und junge Erwachsene.

Bildquelle: IKG Schwaben-Augsburg

Die Arbeit in der Gemeinde stellt für Nicole den Ausgangspunkt für ihr vielfältiges Engagement dar. Gemeinschaft zu erleben, gemeinsam mit anderen Menschen jüdisches Leben aktiv nach außen zu tragen, sind ihr besonders wichtig.

Bildquelle: Amiut Franken

Später begleitet Nicole über die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland Ferienfreizeiten für jüdische Kinder und Jugendliche als Betreuung. Die Sommercamps bieten eine Mischung aus Erholung, Freizeitaktivitäten, Sport, kulturellen Programmen und themenspezifischen Workshops an. Nicole kümmert sich dabei insbesondere um Inklusionskinder.

Bildquelle: Jüdische Allgemeine

Die Jewrovision ist der größte deutsche Gesangs- und Tanzwettbewerb für jüdische Jugendliche, der nach dem Vorbild des Eurovision Song Contests stattfindet und vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert wird. Jährlich treten junge Jüdinnen:Juden zwischen 10 und 19 Jahren mit Beiträgen von Gesang und Tanz an, die ihre jüdische Identität und Gemeinschaft stärken sollen. Nicole hat 2023 und 2024 als Jugendleiterin Jugendliche bei ihrer Teilnahme betreut.

Bildquelle: Gregor Zielke/ Zentralrat der Juden

Nicole studiert in Würzburg Lehramt für Sonderpädagogik. Ihr Jüdischsein lebt sie dort nicht offen aus Sorge vor negativen Konsequenzen. Kontakt zu anderen jüdischen Studierenden hat sie vor allem außerhalb der Uni über die jüdische Gemeinde Würzburgs.

Mit dem Projekt Amiut Franken wollen Nicole und ihr Freund einen safe space für junge jüdische Menschen zwischen 18 und 30 Jahren schaffen. Bisher gab es ein solches Angebot in Bayern nur in Nürnberg und München. Sie treffen sich regelmäßig zu verschiedenen Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Lasertag spielen.

Bildquelle: Amiut Franken

Jüdischsein lebt Nicole in Deutschland nur im vertrauten Umfeld, wie zum Beispiel im Projekt Amiut. Eine neue Erfahrung macht sie 2018 bei ihrem ersten Besuch in Israel, wo sichtbares jüdisches Leben Normalität ist. Dort kann sie einen wichtigen Teil ihrer Identität leben ohne Angst zu haben vor Anfeindungen.

Jüdische Gemeinschaft, Traditionen und Vielfalt haben eine große Bedeutung in Nicoles Leben. Hier fühlt sie sich „zu Hause“. Das Feiern des Shabbats ist Teil von Nicoles Alltag – gemeinsam mit Freunden und Familie. Das erste Mal erlebt sie eine Shabbatfeier 2019 im Rahmen eines Shabbatons.

Bildquelle: Nicole Fahrmeir

Nicole organisiert auch Shabbatons – das ist ein jüdisches Wochenendevent mit dem Schwerpunkt auf dem Shabbat. Das Wochenende ist der Gemeinschaft, der Bildung und dem Feiern gewidmet.



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Quelle: MMSZ, 2025



Bildquelle: Amiut Franken

Nicole engagiert sich, obwohl ihre Familie ihr immer wieder mitgibt, in der Öffentlichkeit nicht über ihr Jüdischsein zu sprechen. Die Angst vor antisemitischen Anfeindungen ist groß. Sie entscheidet sich aber, eine Kette mit dem Davidstern im Alltag sichtbar zu tragen. Ihre erste Kette hat sie auf einer Reise in Venedig im ehemaligen jüdischen Ghetto gekauft.

Bildquelle: Nicole Fahrmeir

Über ihren Freund lernt Nicole das Projekt „Meet a Jew“ kennen. „Meet a Jew“ ist ein Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei dem jüdische Freiwillige Schulen, Vereine und andere Gruppen besuchen. Ziel ist miteinander ins Gespräch zu kommen, Frage zum jüdischen Leben zu beantworten und Vorurteile abzubauen. Nicole engagiert sich und spricht in Schulen mit meist nicht-jüdischen Kindern und Jugendlichen.

Erst anlässlich der jüdischen Campuswochen 2025 organisiert sie ein koscheres Wein- und Traubensafttasting, das sich an die ganze Uni richtet. Sie ist überrascht von den vielen positiven Reaktionen.

Bildquelle: Amiut Franken



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Quelle: MMSZ, 2025

Für Nicole ist ihr Auftreten in der Öffentlichkeit eine Möglichkeit sich Antisemitismus und antisemitischen Vorurteilen in den Weg zu stellen. Ihre Familiengeschichte ist ihre Motivation. Die Worte des Shoah-Überlebenden Elie Wiesel: „Für die Toten und die Lebenden müssen wir Zeugnis ablegen.“ sind dabei Nicoles Motto.

Bildquelle: Nicole Fahrmeir



Das Scrollytelling ist entstanden im Projekt „Scrollen gegen Hass. Antisemitismus erkennen und handeln“, finanziert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales.

Amiut Franken: https://www.instagram.com/amiut.franken

IKG Augsburg-Schwaben: https://www.ikg-augsburg.com/

Zielke, Gregor/ Zentralrat der Juden: https://www.jewrovision.de/presse/pressematerial/#uael-gallery-3

Jüdische Allgemeine: https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/auf-reisen-2/



Wir danken Nicole Fahrmeir herzlich für die Zusammenarbeit und das entgegengebrachte Vertrauen.